Ich heiße Wolfgang und bin kein Ostpreuße. Ich bin ein
Berliner mit Wurzeln nach Arklitten- Molthainen. Es hat lange gedauert bis ich
mir meinen Wunsch den Heimatort meines Vaters zu besuchen erfüllen konnte.
Durch Erzählungen meines Großvaters und Vaters konnte ich mir viele Ortsnamen
und Schilderungen von Ereignissen und Erlebnissen merken. Es ist mir viel über
Natur, Tiere und Landschaft erzählt worden. Nun ich habe mir als Stadtkind alles
in meinen Vorstellungen gespeichert. Dies ist nach dem Tod meines Großvaters
1964 in Vergessenheit geraten. Das Stadtleben forderte einem zu anderen Dingen
auf, es waren Anforderungen die ich als Städter anders erleben musste als
jemand der auf dem Land aufwuchs. Mir ist in meinen Genen die Liebe zur Natur
im Allgemeinen und im Besondern der Drang die Heimat meines Vaters kennen zu
lernen mit gegeben worden. Nun mit einem Lebensalter von 60 Jahren habe ich mir
diesen Wunsch erfüllt.
Reisebericht von 2008 in die Heimat erstellt von Monika Mischor
Ein ganz großer Wunsch meiner Ehehälfte Wolfgang mit noch
Resten masurischen Vorfahrenblutes in den Adern war es, das Haus seiner Väter
einmal anzufassen und auf Spuren aus der Vergangenheit zu stoßen. Wolfgang ist
schon seit einiger Zeit im Internet damit beschäftigt Personen von früher zu
finden, die etwas über das frühere Dorfleben in Molthainen (Moltajny) wissen,
ein kleines Dorf kurz vor der Grenze zu Russland (2km Luftlinie etwa). Dabei
ist er über 100 Ecken und Windungen auf Frau Zetzsche gestoßen – eine liebe
Dame reifen Alters, deren Großvater der Schneidermeister Rausch in Molthainen
war und Oma, Opa, Onkel und Tanten benähte. Sie konnte Wolfgangs Neugier
bereits stillen und er konnte durch ihr Mitwirken viel über die Großeltern
sowie die Geschwister seines Vaters erfahren.
Also machte ich
den Vorschlag, dieses Jahr den Urlaub mit „Spurensuche“ in Polen zu verbringen
(schließlich wird meine bessere Hälfte am 1. Juli 60 Jahre alt - ein schöner
Anlass also auch). Meine Schwägerin Ruth aus Berlin, die als Kleinkind in
diesem masurischen Dorf Molthainen gelebt hat ohne sich heute noch daran zu
erinnern, wollten wir auch mitnehmen.Am 31. Mai war
wieder einmal das vielgeliebte Klassentreffen in Berlin, was diesmal auf dem
Schulhof der Andersen-Grundschule bei gutem Grillwetter stattfand. Ich muss
hier einfach anmerken, dass diese Wiedersehensgemeinschaft nach so vielen
Jahren ein so toller freundschaftlicher Verein geworden ist – fast familiär.
Selbst ich werde hier immer sehr herzlich mit aufgenommen. Den Berlinern liegt
schon im Gegensatz zu uns reinrassigen Westerwäldern das Herz auf der Zunge. In
unserem Dorf wohnen die meisten Gleichaltrigen noch und grüßen sich nicht
einmal mehr – schade. Na ja, in einem alten Lexikon steht auch unter
Westerwälder „hinterlistiges Bergvolk“, wo ich mich allerdings nicht zuzähle.Also hatten wir
bis hier schon mal ein gutes Stück des Weges geschafft. Sonntags wurde
ausgeschlafen und abends holte Wolfgang seine Schwester Ruth zu Hause ab.
Am
2. Juni starteten wir gegen Mittag von Berlin aus mit unserem Campinggespann
gen Osten. Unsere erste Übernachtung machten wir in der Nähe von Walcz (Deutsch
Krone) auf einem sehr schön gelegenen Campingplatz an einem See inmitten
herrlicher Natur. Über die Hygieneeinrichtungen möchte ich mich nicht auslassen
und auch nicht wie schnell die Platzgebühr von 40 Zloty beim Platzwart in
dessen Hosentasche verschwand – ohne das sonst übliche Ausstellen einer
Quittung.
Wir
fanden uns auf dem Campingplatz Sonata
wieder, in herrlicher unberührter Natur in-mitten der Masurischen
Seenplatte. Das nächste Dorf war einige Kilometer weit entfernt und der Gang
zur Toilette wäre mitunter aufgrund der doch sehr großen Entfernung eventuell
nicht mehr nötig gewesen. Es waren bestimmt 700 m. Aber das nächste
Sanitärgebäude befand sich schon im Bau und wird die Camper im nächsten Jahr
bestimmt sehr erfreuen.
Hier
war es uns Frauen doch zu einsam und so beschlossen wir nach 2 Übernachtungen
die Weiterfahrt zu einem Platz, von dem wir durch eine Fernsehreportage gehört
hatten.
Wir
suchten und suchten, jedoch sind Straßenkarte und Realität mitunter
verschiedener Art. So wurden wir bei unserer Suche von einem PKW überholt, der
vor uns anhielt. Die Fahrerin stieg aus und bot uns in sehr gutem Deutsch ihre
Hilfe an. Wie sich nachher herausstellte, hatte sie zu Zeiten des „Kalten
Krieges“ in Ostberlin Agrarwissenschaften studiert. Wir sagten ihr, das wir den
Campingplatz Impuls suchten. Sie hatte es uns sehr genau beschrieben und uns
auch gesagt, dass dieser Platz nicht am See liegt. Wir sollten uns umsehen und
im Fall, dass es uns nicht gefällt, zu ihr kommen. Die Dame war so freundlich,
dass wir direkt mit zu ihr nach Hause fuhren. Es bot sich uns ein herrliches
Anwesen direkt an einem See mit einer sehr großen Wiese, einigen kleinen
Fischteichen und Biotopen.
Jetzt
brauchten wir erst einmal Ruhe – zumal das Wetter uns hold war. Von hier aus
erkundeten wir in der darauffolgenden Woche die Umgebung das da sind die bekannten
Städte Olsztyn (Allenstein), Reszel (Rössel), Wegorzewo (Angerburg), Ketrzyn
(Rastenburg), Gizycko (Lötzen) mit einem sehr interessanten Museumsdorf wo man
die traditionelle Handwerkskunst bewundern konnte, Nikolaiken (Mikolajki) usw.
Die Wallfahrtskirche Swita Lipka (Heilige Linde), ein wunderschöner sakraler
Barockbau aus dem 17. Jahrhundert mit einer sehr schönen wertvollen Orgel mit
fast 4000 Pfeifen war lediglich 4 km von uns entfernt. Wir hatten Glück und
konnten einer Vorführung des Orgelwerks beiwohnen. Die Figurenteile der Orgel
bewegten sich. Goldene Engel spielten auf himmlischen Instrumenten, Sterne
drehten sich und Erzengel Gabriel ging vor Maria auf die Knie. Ein sehr
bewegendes Erlebnis für uns.
Der
nächste „Tante Emma“- Laden (Sklep) 1 km. Hier war keine Selbstbedienung, aber
es gab wirklich alles. Die Bedienung im Laden sprach recht gut deutsch und
holte alles was wir brauchten von „irgendwo“ her. „Wir wollen heute kochen, was
haben Sie für uns?“ Schnell lagen abgepacktes Hackfleisch, Tomatenmark,
Wurzelgemüse und Nudeln vor uns auf der Theke und wir wussten, dass es Nudeln
mit Bolognesesoße geben würde. Auch gab es dort jeden Tag frische Brötchen
(Boki) in der Größe eines halben Brotes und sehr lecker.
Mikolajki,
auch genannt das „Mekka des Segelsports“ ist ein optisch sehr schöner Ort,
jedoch schon in der Nebensaison total überlaufen. Man nennt die Stadt auch das
„Masurische Venedig“. Wir Frauen waren total begeistert von allem was wir
sahen. Mein Mann blieb im Auto sitzen und streikte, er ist für den „Turikram“
nicht zu begeistern.
Zwischendurch
wurden wir von unserer Wirtin mit diversen essbaren Geschenken überrascht. Sie
brachte uns Gemüsesalat, machte extra für uns Piroggen zum Sattessen, brachte
uns vom Markt in Mragowo (Sensburg) Erdbeeren mit und – am Abend der
Begleichung unserer Rechnung wurde der selbstgemachte 60-prozentige
Zitronen-Honig-Schnaps gekostet - bis zur bitteren Neige.
Während
unserer Ausflüge erledigten wir beim Vorbeifahren an Supermärkten auch immer
gleich unsere Einkäufe. Hier stießen wir auf Lidl, Plus, Netto, Léclerc,
Auchan, Intermarché sowie polnische Supermarktketten. Fast fühlte ich mich wie
in Frankreich. Was uns in Erstaunen versetzte: die Spirituosenabteilungen
wurden von bewaffnetem Sicherheitspersonal überwacht.
Frau
Kopczynska bat meinen Mann, der allein zu ihrem Haus am See aufgebrochen war,
er solle unbedingt den Rest der Familie holen. Sie hatte sich extra umgezogen
bis wir kamen (man war bei der Renovierung) und wir wurden auf das herzlichste
begrüßt. Frau Krystina ging mit uns zum Clubraum, wo eine kleine Gruppe von
Frauen für uns ukrainische Volksweisen sang. Ergriffenheit total. Bei Kaffee
und Schokolade unterhielten wir uns, obwohl eine Seite nur polnisch und die
andere nur deutsch sprach. Das eigenartige war, das man sich verstanden hat.Leider hatten wir die Überreste des Arklitter
Schlosses nicht finden können und auf dem alten Friedhof mit noch zum Teil
vorhandenen alten Gräbern waren wir auch nicht.
Unser
Besuch in Moltajny (Molthainen) und Arklitty (Arklitten) zu den Wurzeln der
Familie Mischor war sehr ergreifend, was ich im Voraus schon ahnte. Wir hatten
hier eine Kontaktperson in meinem Alter, Frau Krystyna Kopczynska, die sich
stark macht für Hilfsbedürftige in der Gemeinde. Sie steht dem Verein Mołtajńskie
Stowarzyszenie Aktywności Lokalnej "Nadzieja" („Hoffnung“) mit vor. www.moltajny.pl/Den
Abschluss unserer ersten Woche bildete ein Besuch der Wolfsschanze, das
Hauptquartier Hitlers, einer gesprengten „Bunkerstadt“. Sprachlosigkeit machte
sich breit. Unglaublich, dass niemand die jahrelangen Bauarbeiten mitbekommen
haben soll! Hier sind sehr viele Eisenbahn- und LKW-Ladungen verbaut worden. Es
ist nicht zu fassen.
Und
weiter geht es nach Elbing – Elblag in der Danziger Bucht. Die wiederaufgebaute
Altstadt mit ihren schönen Häuserzeilen gefällt uns sehr gut. Die Nikolaikirche
im Zentrum der Altstadt, ein gotischer Bau mit einem fast 100 m hohen
Glockenturm, ist das eindruckvollste Bauwerk von Elbing. Im kleinen Hafen am
Rand der Altstadt beginnt der über 85 km lange Oberlandkanal. Ein superschöner
Campingplatz direkt am Fluss Elblag gelegen mit einmalig gepflegten
Sanitäranlagen – allerdings nicht ganz billig. Hier lassen wir es uns so
richtig gut gehen, gepflegt die ostpreußische Küche genießen. Stadtbummel mit
Ruth und als Krönung eine Tagesfahrt nach Danzig. Hier steht die größte
gotische Backsteinkirche der Welt, die Marienkirche. Man sagt, dass hier 25.000
Menschen Platz finden würden. Zwischen Zeughaus und Frauentor bis zum Krantor
erkunden wir die Stadt. Auch hier wieder diese herrlichen Häuser mit ihren
schönen Fasaden. Wir sind uns einig: Danzig ist die schönste Stadt, die wir je
gesehen haben. Jedes Haus verfügt über einen Bernsteinladen. Für mein etwas
geübteres Auge in Sachen Schmuck gehen wir in einen Juwelierladen und sehen
Schmuckstücke in den Auslagen, die bedauerlicherweise nicht unserem Budget
entsprechen. Aber was soll´s, in dem Fall genügt mir schon das Anschauen von
wunderschönen Dingen.Wir
besuchen die berühmte gotische Malbork (Marienburg), eine „trutzige Feste“ am
Ufer des Nogat aus dem 14. Jahrhundert. Die Bauarbeiten an diesem größten
Backsteinbau Europas dauerten 120 Jahre an. Nach schwerer Zerstörung im 2.
Weltkrieg begann 1961 der Wiederaufbau und seit 1997 nahm die UNESCO die
restaurierte Anlage in ihre Liste des Weltkulturerbes auf.
Am
letzten Abend in Elbing besucht uns die Schwiegertochter von Frau Krystina aus
Molthainen. Sie ist übrigens in der
Kopfzeile abgebildet. Aga hat Germanistik studiert und wohnt in Elbing. Wir
verstehen uns prächtig und bleiben in Zukunft über sie mit Molthainen in
Kontakt. Sie wird uns Bilder der Schlossruine sowie des alten fast
zugewachsenen Friedhofes zukommen lassen. Wir sind sicher, dass es sich um den
Beginn einer wunderbaren lang anhaltenden Freundschaft handelt. Schweren
Herzens brechen wir hier auf, denn wir haben noch einiges vor.Auf
unserem Weg zur Ostsee will ich es auf gar keinen Fall versäumen, auf der
Halbinsel Hel den Strand gleichzeitig rechts und links zu sehen. An der
schmalsten Stelle misst die Halbinsel lediglich 200 m. Schön anzusehen, aber im
Vergleich zu Elbing sind wir doch von der ganzen Atmosphäre negativ berührt.
Wir wollen nach Leba – der Dünen wegen. Der Ort an sich ist wunderschön mit seinen
vielen kleinen Geschäften und dem Blumenschmuck überall. Zu den Dünen wollten
wir auf jeden Fall – aber wir waren zu spät. Vom Parkplatz aus ein Weg 5 km, zu
weit für uns und die Bahn fuhr ab 18.oo Uhr nicht mehr. Da wären es bis auf die
Dünen nur 15 Minuten Fußweg gewesen. Unser Pech. Ein herrlicher Sandstrand
erwartete uns hier, allerdings Hundeverbot. Wenn man bedenkt, dass auch in
Polen der Beginn der Sommerferien anstand – es war noch alles in winterlicher
Verwüstheit. Hier und da hatte man aber schon mit Instandsetzungsarbeiten
begonnen.Das
letzte Ziel unserer Reise nach Polen sollte Kolberg sein. Hier hat uns nur der
Strand mit seinem dichten Park davor gefallen. Ansonsten große Hotels, eines
neben dem anderen und der etrwa 10 km entfernte Campingplatz mit autowaschenden
polnischen Jugendlichen und freilaufenden Hunden direkt vor unserer Nase. Auf
der gegenüberliegenden Seite der Platzeinfahrt konnte man den feinen weißen
Sand schon sehen, der Strand war nur durch einen schmalen Buschstreifen von der
Straße getrennt.Und
auf geht es wieder nach Berlin, wo wir Ruth wieder nach Hause fahren. Der
letzte Tag vor der Heimfahrt war mir für meine Lieblingsbeschäftigung
reserviert geblieben – den Stadt-bummel in Spandau. Ein schöner Abschluss für
mich. Leider hatte ich keine Zeit mehr, um mich mit meinen beiden Monikas zu
treffen – vielleicht dann im September.Fazit dieses Urlaubes: erst selbst erleben und
dann über andere urteilen. Unsere Erfahrungen haben uns sehr erfreut¸ wir haben
nur nette liebe Menschen kennengelernt und eine einmalig schöne Natur.Autorin Monika Mischor